Wenn Ihre Backsteinwand anfängt zu verwittern, ist das kein Grund zur Panik - aber ein deutliches Zeichen, dass etwas getan werden muss. Viele Hausbesitzer denken zuerst an eine komplette Fassadensanierung, doch oft reicht schon eine gezielte Fugensanierung. Sie ist nicht nur günstiger, sondern auch die einzige Methode, die den historischen Charakter Ihrer Fassade bewahrt und gleichzeitig langfristig vor Feuchtigkeit schützt.
Warum Fugen sanieren? Die Ursachen für Schäden
Die Fugen zwischen den Ziegelsteinen sind nicht nur dekorativ - sie sind der Schutzschild Ihres Mauerwerks. Über Jahre hinweg setzen sich Regen, Frost, Schmutz und Luftfeuchtigkeit in den Mörtel ein. Besonders bei älteren Gebäuden, die vor 1945 errichtet wurden, wurde oft kalkbasierter Mörtel verwendet. Dieser ist weicher und atmungsaktiv, aber auch anfälliger für Abnutzung. Wenn der Mörtel bröckelt, Risse bekommt oder komplett verschwunden ist, dringt Wasser in die Wand ein. Und das führt zu einem Teufelskreis: Feuchtigkeit friert, dehnt sich aus, reißt den Stein und lässt Schimmel entstehen. Die Folge: Ausgefallene Ziegel, feuchte Innenwände, gestörte Wärmedämmung.
Ein einfacher Test: Greifen Sie mit den Fingern in eine Fuge. Wenn der Mörtel sich wie Sand anfühlt oder sich leicht abkratzen lässt, ist es Zeit zu handeln. Die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau (DGfM) sagt klar: Eine fachgerechte Fugensanierung verlängert die Lebensdauer der Fassade um 30 bis 50 Jahre - und das bei nur einem Bruchteil der Kosten einer kompletten Sanierung.
Was kostet eine Fugensanierung?
Im Vergleich zu einer kompletten Fassadensanierung mit Putz oder Neubekleidung ist die Fugensanierung ein Schnäppchen. Die Kosten liegen zwischen 35 und 55 Euro pro Quadratmeter - inklusive Material und Arbeit. Eine vollständige Sanierung mit neuem Putz oder Isolierung kostet dagegen 120 bis 180 Euro pro Quadratmeter. Das bedeutet: Sie sparen bis zu 70 Prozent.
Warum ist das so? Weil Sie die Ziegelsteine nicht austauschen müssen. Sie behalten die ursprüngliche Substanz. Das ist nicht nur kostengünstig, sondern auch wichtig für Denkmalschutz. In Leipzig, wo viele Altbauten aus den 1920er Jahren stehen, ist das ein entscheidender Punkt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz empfiehlt die Fugensanierung in 92,4 Prozent der Fälle als erste Maßnahme bei historischen Ziegelfassaden.
Welcher Mörtel ist der richtige?
Hier liegt der häufigste Fehler: Die falsche Wahl des Fugmörtels. Viele Heimwerker greifen zu zementhaltigem Mörtel - weil er hart ist und schnell trocknet. Aber das ist der größte Fehler, den man bei alten Backsteinwänden machen kann.
Für Gebäude vor 1945 muss es ein kalkbasierter Mörtel sein. Kalk ist weicher als Zement, atmet und leitet Feuchtigkeit ab. Zement hingegen ist dicht, hält Feuchtigkeit fest und drückt sie in die Ziegelsteine. Das führt zu Blasen, Abplatzungen und schließlich zum Zerfall der Steine. Die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) und die DGfM schreiben klar vor: Bei historischen Bauten darf kein zementhaltiger Mörtel verwendet werden. Stattdessen werden Mauermörtel der Klassen FM II oder FM III empfohlen.
Für moderne Bauten nach 1945 ist ein zementhaltiger Mauermörtel M10 oder Fugmörtel M5 in Ordnung - aber nur, wenn der ursprüngliche Mörtel auch zementhaltig war. Wichtig: Der neue Mörtel muss immer leicht weicher sein als der Stein. Die Faustregel: Die Druckfestigkeit des Mörtels darf nicht höher sein als die des Ziegels. Sonst bricht der Stein, nicht der Mörtel. Und das ist der Tod jeder Fassade.
Die Rohdichte des Mörtels sollte mindestens 1,6 g/cm³ betragen, aber nicht mehr als 0,2 g/cm³ unter der des ursprünglichen Mauerwerks liegen. Das verhindert Spannungsrisse. Marken wie Mapei, Saint-Gobain Weber und Knauf bieten spezielle Fugmörtel für historische Sanierungen an - achten Sie auf die Angaben auf der Verpackung.
Wie wird die Fugensanierung durchgeführt?
Es ist kein Heimwerkerprojekt für Anfänger - aber mit den richtigen Werkzeugen und einer klaren Anleitung kann man es selbst machen. Hier ist der Ablauf, wie es Profis tun:
- Fugen ausbauen: Die alten Fugen werden mindestens 2,5 bis 3 Zentimeter tief ausgehoben. Das entspricht etwa dem Doppelten der Fugenbreite. Bei 10 mm breiten Fugen bedeutet das: mindestens 20 mm Tiefe. Nicht zu flach - sonst hält der neue Mörtel nicht. Nicht zu tief - sonst beschädigen Sie die Ziegel.
- Reinigen: Nach dem Ausbauen wird die Fuge gründlich gereinigt. Kein Hammer und Meißel! Die Ziegelkanten sind empfindlich. Besser: Eine spezielle Fugenbürste oder eine Einstechklingen-Handsäge. Manche Handwerker nutzen einen Kärcher mit Fräsaufsatz - aber nur mit sehr geringem Druck. Der Stein darf nicht abgeschliffen werden.
- Vorbehandlung: Besonders bei kalkhaltigen Fugen ist eine Vorbehandlung mit essigsaurer Tonerde sinnvoll. Sie erhöht die Haftung des neuen Mörtels um bis zu 40 Prozent, wie Laborversuche der BAM zeigen. Die Fuge muss trocken sein, aber nicht staubtrocken.
- Mörtel anrühren: Der Mörtel sollte erdfeucht und formbar sein - nicht flüssig, nicht trocken. Rühren Sie nur kleine Mengen an. Die Verarbeitungszeit beträgt etwa eine Stunde. Wenn der Mörtel zu schnell anfängt zu trocknen, ist er zu trocken oder zu warm. Dann wird er rissig.
- Verfugen: Füllen Sie die Fuge mit dem Mörtel. Nutzen Sie ein kurzes Fugeisen für vertikale Stoßfugen und ein langes Fugeisen mit Fugblech für horizontale Lagerfugen. Drücken Sie den Mörtel fest hinein. Keine Hohlräume! Der Mörtel sollte leicht überstehen - später wird er abgezogen.
- Abziehen und glätten: Nach etwa 20 bis 30 Minuten, wenn der Mörtel leicht angetrocknet ist, wird er mit dem Fugeisen abgezogen. Der Fugenprofil sollte dem ursprünglichen entsprechen: meist konkav oder abgerundet. Das leitet Wasser ab und verhindert, dass es in der Fuge steht.
- Reinigen: Am nächsten Tag wird die Fassade mit einem weichen Pinsel und Wasser abgebürstet. Kein Hochdruckreiniger! Das kann die Ziegeloberfläche beschädigen.
Ein erfahrener Maurer braucht für 20 Quadratmeter etwa 2,5 Arbeitstage. Das klingt viel - aber es ist eine Investition, die Jahrzehnte hält.
Was passiert, wenn man es falsch macht?
Die Unzufriedenheitsrate bei unsachgemäßer Fugensanierung liegt bei 63,2 Prozent - fast zwei Drittel. Was läuft schief?
- Nicht vorgenässt: Der alte Mörtel saugt das Wasser aus dem neuen Mörtel. Der neue trocknet zu schnell - und rissig. Das ist der häufigste Fehler, wie Maurermeister Thomas Schmidt aus Berlin berichtet.
- Zement statt Kalk: Bei Altbauten führt das zum Zerfall der Ziegel. Das ist kein temporärer Fehler - das ist Zerstörung.
- Zu flache Fugen: Der Mörtel hält nicht. Er bricht aus, sobald Frost kommt.
- Zu hoher Druck beim Reinigen: Der Kärcher zerstört die Ziegeloberfläche. Das sieht nicht nur schlecht aus - es beschleunigt die Verwitterung.
Die Zufriedenheitsrate bei fachgerechter Sanierung liegt bei 87,4 Prozent - das ist eine der höchsten Raten in der Sanierungsbranche. Die TU München hat in einer 15-jährigen Langzeitstudie gezeigt: Nach 15 Jahren funktioniert 92,7 Prozent der fachgerecht saniereten Fugen noch einwandfrei. Bei Putzsanierungen sind es nur 78,3 Prozent.
Was ist mit modernen Lösungen?
Die Technik entwickelt sich weiter. In der Forschung arbeitet die TU Dresden an sogenannten intelligenten Fugmörteln, die bei Feuchtigkeitseintrag selbstheilende Eigenschaften zeigen - kleine Risse schließen sich von selbst. Noch ist das ein Laborprojekt, aber es zeigt, wohin die Reise geht.
Auch umweltfreundliche Materialien kommen auf. Die BAM hat 2024 einen neuen Prüfstandard für biobasierte Fugmörtel veröffentlicht. Diese enthalten bis zu 30 Prozent pflanzliche Zusätze - ohne die Festigkeit zu beeinträchtigen. Für Umweltbewusste eine interessante Option.
Und die Digitalisierung hilft: Das Ziegel-Planungstool von Architektenordner (Version 2.3.9) berechnet jetzt genau, wie viel Mörtel Sie brauchen, und simuliert das Fugbild. Das spart Zeit und Material.
Fazit: Fugensanierung - die kluge Wahl
Wenn Ihre Backsteinwand rissig ist, ist die Fugensanierung nicht nur die günstigste, sondern auch die intelligenteste Lösung. Sie bewahrt den Charakter Ihres Hauses, schützt vor Feuchtigkeit und kostet weniger als ein neuer Anstrich. Sie brauchen keine neuen Ziegel, keinen neuen Putz, keine neue Fassade - nur den richtigen Mörtel und die richtige Technik.
Wenn Sie unsicher sind: Lassen Sie sich von einem Fachbetrieb beraten. Fragen Sie nach der Druckfestigkeit des Mörtels, nach der Herkunft des Materials und nach der Erfahrung mit historischen Bauten. Und vergessen Sie nie: Bei alten Gebäuden ist Weichheit besser als Härte. Der Stein ist alt - der Mörtel sollte es auch sein.