Brandschutz in der Elektroinstallation: Leitungen, Dosen und Abschottung richtig umsetzen

Brandschutz in der Elektroinstallation: Leitungen, Dosen und Abschottung richtig umsetzen

Ein Brand in der Elektroinstallation kann innerhalb von Minuten das gesamte Gebäude gefährden. Doch viele wissen nicht, dass fast jeder dritte Wohnungsbrand auf eine fehlerhafte elektrische Anlage zurückgeht. Die Lösung liegt nicht in teuren Alarmanlagen, sondern in der richtigen Planung von Leitungen, Dosen und Abschottung - gemäß der DIN VDE 0100-420:2019-11. Diese Norm ist nicht nur ein technisches Dokument, sie ist die Grundlage dafür, dass Strom in Ihrem Haus nicht zur Brandursache wird.

Warum Elektroinstallationen brennen - und wie man das verhindert

Elektrische Anlagen brennen nicht, weil Kabel plötzlich durchbrennen. Sie brennen, weil etwas schiefgelaufen ist: Überlastete Leitungen, lose Kontakte, falsch verlegte Kabelbündel oder undichte Abschottungen. Die meisten Brände entstehen nicht direkt am Kabel, sondern an den Übergängen - in der Dose, am Anschluss, an der Durchführung durch Wand oder Decke. Hier ist der Brandschutz am schwächsten, wenn er nicht richtig geplant wurde.

Die DIN VDE 0100-420 sagt klar: Jede Installation muss vorab auf Brandrisiken geprüft werden. Das ist kein Bonus, sondern Pflicht. In Neubauten mit mehr als 500 Quadratmetern Nutzfläche ist das sogar gesetzlich vorgeschrieben. Doch auch bei Sanierungen ist es entscheidend. Denn wer heute eine alte Steckdose austauscht, darf nicht einfach das alte Kabel wieder einbauen - es muss den aktuellen Brandschutzanforderungen entsprechen.

Was macht ein Brandschutzkabel aus?

Nicht jedes Kabel ist gleich. Ein normales NYM-Kabel hält bei Brand kaum 10 Minuten. Ein zertifiziertes Brandschutzkabel mit der Klasse Eca nach DIN EN 13501-6 dagegen hält bis zu 90 Minuten - und das ohne Flammenausbreitung. Die Prüfung erfolgt nach DIN EN 60332: Ein 3,5 Meter langes Kabel wird mit einer Flamme beaufschlagt. Wenn die Flammen danach nicht weiter als 1,5 Meter laufen, ist das Kabel zertifiziert.

Das ist kein Marketing-Gimmick. In einem Bürogebäude in Berlin wurde 2023 ein Brand ausgelöst, der durch eine defekte Steckdose entstand. In einem Teil des Gebäudes waren Kabel nach DIN EN 50085 verlegt, in einem anderen Teil Standardkabel. Die Flammen breiteten sich im Standardbereich bis zu 8,5 Meter aus. Im Brandschutzbereich blieben die Schäden auf 18 Zentimeter begrenzt. Der Unterschied: Die Kabel hatten die richtige Klasse.

Die Preise für solche Kabel liegen bis zu 40 Prozent über Standardprodukten. Aber wer hier spart, riskiert nicht nur das Haus - sondern Leben. Die wichtigsten Hersteller sind Siemens, ABB und Hager. Sie bieten Kabel mit klaren Kennzeichnungen wie „F90“ oder „Eca“ - immer auf der Hülle prüfen, nie nur auf dem Preis achten.

Dosen und Durchführungen: Der unsichtbare Schwachpunkt

Die Dose ist der Ort, an dem Strom aufhört, ein Kabel zu sein, und zu einem Risiko wird. Eine lose Verbindung, ein falsch montierter Stecker, ein zu dichtes Kabelbündel - das alles erzeugt Hitze. Und Hitze ist der Anfang eines Brandes.

Die Norm verlangt: Kabelbündel dürfen nicht mehr als 70 Prozent der Nennstromstärke belastet werden. Das bedeutet: Wenn ein Kabel 16 Ampere trägt, darf es nur mit 11,2 Ampere betrieben werden. Das klingt nach Überregulierung - ist aber notwendig. In einer Studie des TÜV Rheinland waren 28,7 Prozent aller Fehlerfälle auf überlastete Kabelbündel zurückzuführen.

Auch bei der Verlegung durch Wände und Decken ist Vorsicht geboten. Eine einfache Bohrung, durch die Kabel laufen, ist ein Brandtor. Ohne Abschottung kann Rauch und Hitze ungehindert in andere Brandabschnitte wandern. Die Lösung: Brandschutzabschottungen nach DIN EN 50085. Das sind spezielle Dichtungen aus mineralischen Materialien, die bei Hitze aufschäumen und die Öffnung verschließen. Sie müssen fest mit der Wand verbunden sein - kein Kleber, kein Dichtmasse, kein Isolierband. Nur zertifizierte Systeme von OBO Bettermann, Schneider Electric oder Hager garantieren die Feuerwiderstandsklasse F90.

Leider ist das ein häufiger Fehler. Eine Feldstudie der TÜV SÜD Akademie zeigte: In 37,8 Prozent der geprüften Installationen waren die Abschottungen falsch montiert. Das reduzierte die Feuerwiderstandsdauer um bis zu 65 Prozent. Ein Brand, der 90 Minuten hätte aufgehalten werden können, breitete sich in 30 Minuten aus - nur weil jemand eine Dichtung vergaß.

Mineralische Brandschutzabschottung verschließt eine Kabeldurchführung in einer Wand, AFDD im Verteiler schützt vor Lichtbogen.

AFDDs: Der unsichtbare Held

Ein Lichtbogen kann entstehen, wenn ein Kabel leicht beschädigt ist - und niemand merkt es. Ein herkömmlicher Leitungsschutzschalter reagiert nur auf Überlast oder Kurzschluss. Ein AFDD (Arc Fault Detection Device) aber erkennt das charakteristische Muster eines Lichtbogens - und schaltet innerhalb von Millisekunden ab.

Seit 2024 ist die Installation von AFDDs in Neubauten mit mehr als 500 m² Pflicht. Doch viele Handwerker wissen nicht, wie man sie richtig einbaut. Sie müssen an der richtigen Stelle im Verteiler installiert werden, mit einer speziellen Prüf-Taste und mit einer Dokumentation, die den Betrieb nachweist. Der ZVEH führt seit Januar 2024 eine verpflichtende 16-Stunden-Schulung für Elektrofachkräfte ein - weil falsch installierte AFDDs gefährlicher sind als gar keine.

Die Statistik spricht: 18,7 Prozent aller Wohnungsbrände im Jahr 2022 wurden durch unsachgemäße Smart-Home-Installationen verursacht. Viele Geräte arbeiten mit schwachen Netzteilen, die Lichtbögen erzeugen - und die sind mit herkömmlichen Schaltern nicht zu erkennen. Ein AFDD ist die einzige zuverlässige Absicherung.

Die Dokumentation: Nicht nur Papierkram

Wer einen Brandschutz nach DIN VDE 0100-420 plant, muss alles dokumentieren. Das ist kein Bonus, sondern Vorschrift. Die VdS 6024-Richtlinie verlangt: Prüfprotokolle für alle Brandschutzkanäle, Nachweise für die Kabelklasse, Aufzeichnungen über die AFDD-Installation, die Risikobewertung nach Abschnitt 4.4.1.

Das klingt nach Bürokratie. Ist es aber nicht. In einem Brandfall ist diese Dokumentation der einzige Beweis, dass alles richtig gemacht wurde. Ohne sie haften Sie als Bauherr oder Installateur persönlich. Und die Versicherung zahlt nicht, wenn die Prüfprotokolle fehlen.

Ein durchschnittlicher Aufwand liegt bei 2,3 Stunden pro Installation - aber das spart im Ernstfall Tausende Euro. Die meisten Handwerker, die diese Dokumentation machen, sagen: „Ich würde es nie mehr anders machen.“

Vergleich von Brandausbreitung: ungeschützt vs. mit Brandschutzkabeln und Abschottungen, AFDD unterbricht Strom bei Lichtbogen.

Was bleibt: Praxis-Tipps für Handwerker und Hausbesitzer

  • Bei Neubau oder Sanierung: AFDDs einbauen - auch wenn es nicht verpflichtend ist. Es ist die sicherste Investition.
  • Kabel immer mit Klasse prüfen - Eca, F90, DIN EN 13501-6. Keine Kompromisse.
  • Abschottungen nur mit zertifizierten Systemen - kein Kleber, kein Dichtmasse, kein improvisieren.
  • Kabelbündel nicht zu dicht verlegen - max. 70 % der Nennstromstärke.
  • Dokumentation immer führen - Prüfprotokolle, Kabelnachweise, AFDD-Installation.
  • Bei Smart-Home-Anlagen besonders aufpassen - viele Geräte erzeugen unsichtbare Lichtbögen.

Die Technik ist da. Die Normen sind klar. Die Fehler liegen nicht an der Technik, sondern an der Planung. Wer Brandschutz in der Elektroinstallation ernst nimmt, baut nicht nur sicher - er baut verantwortungsbewusst.

Was kommt? Die Zukunft des Brandschutzes

Ab Juli 2024 wird die DIN VDE 0100-420 aktualisiert - und fordert erstmals explizit Brandschutz für E-Auto-Ladestationen. Das ist kein Zufall. Elektromobilität bringt neue Lasten, neue Hitze, neue Risiken. Gleichzeitig arbeitet die VdS an einer neuen Version der VdS 6024, die KI-gestützte Überwachungssysteme für elektrische Anlagen standardisiert. Bis 2027 sollen 34,5 Prozent aller Gebäude mit digitalen Brandschutz-Systemen ausgestattet sein.

Doch die größte Herausforderung bleibt: Die Komplexität. Über 30 Normen und Richtlinien gelten parallel. 68,3 Prozent der kleinen Handwerksbetriebe geben an, sie schaffen es nicht, alle richtig anzuwenden. Hier braucht es mehr Schulungen, nicht mehr Vorschriften. Denn der beste Brandschutz ist der, der auch umgesetzt wird.

Was ist der Unterschied zwischen einem normalen Kabel und einem Brandschutzkabel?

Ein normales Kabel wie NYM hält bei Brand nur kurz - es brennt schnell und verbreitet Flammen. Ein Brandschutzkabel mit der Klasse Eca nach DIN EN 13501-6 wird speziell geprüft: Es darf bei einer Brandprüfung (DIN EN 60332) die Flammenausbreitung nicht über 1,5 Meter hinausgehen. Außerdem ist es aus materialtechnisch widerstandsfähigeren Komponenten gefertigt, die nicht leicht entzünden oder giftige Gase abgeben. Die Kennzeichnung „Eca“ oder „F90“ auf der Hülle ist der entscheidende Hinweis.

Muss ich in meiner Wohnung AFDDs nachrüsten?

Nein, nicht gesetzlich - aber empfohlen. AFDDs sind in Neubauten mit mehr als 500 m² Nutzfläche verpflichtend. Bei Sanierungen sind sie nicht gesetzlich vorgeschrieben, außer in Sonderbauten wie Krankenhäusern oder Schulen. Doch da 18,7 Prozent aller Wohnungsbrände 2022 auf unsachgemäße Smart-Home-Installationen zurückgingen, ist der Einbau von AFDDs die effektivste Maßnahme, um Lichtbogenbrände zu verhindern. Die Kosten liegen bei etwa 150 bis 250 Euro pro Gerät - eine kleine Investition für große Sicherheit.

Warum ist die Abschottung bei Kabeldurchführungen so wichtig?

Eine Bohrung in Wand oder Decke ist ein direkter Weg für Rauch und Hitze in andere Brandabschnitte. Ohne Abschottung kann ein Brand in Minuten von der Küche in das Schlafzimmer wandern. Brandschutzabschottungen nach DIN EN 50085 sind spezielle Dichtungen, die bei Hitze aufschäumen und die Öffnung dicht verschließen. Sie müssen fest mit der Konstruktion verbunden sein - kein Kleber, kein Dichtmasse. 37,8 Prozent der geprüften Installationen hatten falsche Abschottungen - und damit eine um 65 Prozent verkürzte Brandschutzdauer.

Kann ich Brandschutzkabel selbst verlegen?

Technisch ja - aber nur, wenn Sie Elektrofachkraft sind. Die Verlegung von Brandschutzkabeln ist kein Heimwerkerprojekt. Sie müssen mit den richtigen Dosen, Abschottungen und Schaltern kombiniert werden. Falsch installiert, verlieren sie ihre Wirkung. Die DIN VDE 0100-420 verlangt zudem eine dokumentierte Risikobewertung, die nur Fachleute erstellen können. Wer das selbst macht, riskiert nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Versicherung.

Welche Normen gelten aktuell für Brandschutz in der Elektroinstallation?

Die zentrale Norm ist die DIN VDE 0100-420:2019-11, die die Anforderungen an thermische Einwirkungen regelt. Ergänzt wird sie durch DIN EN 13501-6 (Klassifizierung von Bauprodukten), DIN EN 61386 (Rohrsysteme), DIN EN 50085 (geschlossene Kanalsysteme) und VdS 6024 (Dokumentation und Prüfung). Die Musterbauordnung (MBO) regelt den baulichen Brandschutz, während die VDE-Normen die technische Ausführung steuern - eine klare Trennung, die Deutschland besonders macht.