Breitere Stellflächen im Flur: So schaffen Sie Platz für Rollator und Rollstuhl

Breitere Stellflächen im Flur: So schaffen Sie Platz für Rollator und Rollstuhl

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in Ihrem eigenen Flur, halten einen Rollator in der Hand und merken plötzlich: Es passt nicht. Die Garderobe blockiert den Weg, die Tür lässt sich nur halb öffnen, und der nächste Schritt zur Toilette fühlt sich an wie ein Hindernislauf. Das ist keine seltene Situation. Viele Senioren und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen kämpfen täglich gegen ihre eigene Wohnungseinrichtung an. Ein zu enger Flur kann die Selbstständigkeit gefährden und das Unfallrisiko drastisch erhöhen.

Die Lösung liegt oft in einer einfachen, aber entscheidenden Maßnahme: breitere Stellflächen. Ob Sie einen Rollator oder einen Rollstuhl nutzen - der Raumbedarf ist unterschiedlich, aber beide Geräte benötigen präzise geplante Zonen, um sicher abgestellt und bewegt werden zu können. In diesem Artikel zeigen wir Ihnen, welche Maße wirklich nötig sind, wie Sie bestehende Räume anpassen können und wo es Fördergelder gibt.

Warum Flurbreite mehr als nur Komfort ist

Ein Flur ist nicht nur ein Durchgang. Er ist eine kritische Infrastruktur für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Laut dem Statistischen Bundesamt (2023) verfügt etwa jeder vierte Deutsche über 65 Jahre über eine Mobilitätseinschränkung. Für diese Gruppe bedeutet ein enger Flur oft den Verlust der Unabhängigkeit. Wenn kein Platz zum Abstellen des Gehhilfsmittels vorhanden ist, muss man es entweder tragen - was bei schweren Modellen kaum möglich ist - oder es mitten im Weg lassen, was zur Stolperfalle wird.

Der Ergotherapeut Dr. Markus Roth warnt davor, dass 65 % der Bestandswohnungen in Deutschland nicht die notwendigen Stellflächen bieten. Das Ergebnis sind vermehrte Stürze. Die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) hat berechnet, dass zu enge Flure die Unfallgefahr um das 2,3-fache erhöhen, weil Nutzer nicht ausweichen können. Es geht also nicht nur um Bequemlichkeit, sondern um Sicherheit.

Die richtigen Maße: Was sagt die DIN 18040?

Wenn Sie planen, Ihren Wohnraum barrierefrei anzupassen, müssen Sie sich an klare Richtlinien orientieren. Die maßgebliche Norm in Deutschland ist die DIN 18040Deutsche Norm für barrierefreies Bauen. Diese Norm definiert Mindestmaße, die gewährleisten, dass sich Menschen mit Rollatoren oder Rollstühlen sicher bewegen können.

Für Rollatoren gelten folgende Empfehlungen:

  • Bewegungsfläche: Mindestens 80 cm x 100 cm laut Barrierefrei.de (2023).
  • Ideale Stellfläche: Eine quadratische Fläche von 120x120 cm wird von Experten wie Nullbarriere.de (2024) als notwendig erachtet, um den Rollator sicher abzustellen und daran vorbeizukommen.
  • Flurbreite: Bei geraden Fluren ohne Richtungsänderung reicht eine Breite von 120 cm bei einer maximalen Länge von 6 Metern. Längere Flure benötigen Begegnungszonen.

Für Rollstühle sind die Anforderungen deutlich höher:

  • Wendekreis: Ein Durchmesser von mindestens 150 cm muss frei sein, um den Rollstuhl komplett drehen zu können.
  • Elektrorollstühle: Hier sind spezielle Stellflächen von 190 cm Breite und 150 cm Tiefe erforderlich. Zudem braucht es eine Steckdose in 85 cm Höhe für das Laden.
  • Türbreite: Mindestens 90 cm nutzbare Öffnungsbreite, da Standardtüren oft nur 80 cm breit sind und so den Durchgang behindern.
Vergleich der Platzanforderungen für Rollator und Rollstuhl
Kriterium Rollator Rollstuhl (manuell) Elektrorollstuhl
Mindest-Bewegungsfläche 80 cm x 100 cm 150 cm Wendekreis 150 cm Wendekreis
Ideale Stellfläche 120 cm x 120 cm 150 cm x 150 cm 190 cm x 150 cm
Erforderliche Flurbreite (gerade) 120 cm 150 cm 150 - 180 cm
Zusätzliche Anforderung Keine Stromversorgung nötig Keine Stromversorgung nötig Steckdose in 85 cm Höhe
Breiter, barrierefreier Flur mit viel Platz für Rollstuhl

Praxis-Check: Ist Ihr Flur bereits fit?

Viele Wohnungen wurden vor Jahren gebaut, als barrierefreie Standards noch keine Rolle spielten. 87 % der deutschen Wohnungen stammen aus der Zeit vor 1990, wie die Bertelsmann-Stiftung im Wohnreport 2023 feststellt. Um zu prüfen, ob Ihr Flur den Ansprüchen genügt, führen Sie diesen schnellen Check durch:

  1. Messen Sie die freie Passage: Messen Sie vom Boden bis zur untersten Kante von Garderobenhaken oder Regalen. Es sollte mindestens 2 Meter freier Raum sein, damit niemand den Kopf stoßen kann.
  2. Testen Sie die Wendemöglichkeit: Können Sie mit einem Rollator oder Rollstuhl an der schmalsten Stelle des Flurs vollständig wenden? Markieren Sie einen Kreis von 150 cm Durchmesser auf dem Boden. Passt dieser frei?
  3. Prüfen Sie die Türöffnungen: Schließen Sie die Tür und messen Sie die nutzbare Breite. Liegt sie unter 90 cm, wird der Durchgang für viele Rollstuhlfahrer schwierig.
  4. Beachten Sie die Neigung: Flure sollten idealerweise einen 90 cm breiten Streifen mit lediglich 2,5 % Querneigung aufweisen, um auch bei Nässe rutschfest zu bleiben.

Wenn einer dieser Punkte nicht zutrifft, ist eine Anpassung dringend ratsam. Ignorieren Sie nicht Warnsignale wie häufiges Anstoßen oder das Gefühl, „eingezwängt“ zu sein.

Lösungen für den Bestand: Sanierung und Umbau

Wenn Ihr aktueller Flur zu eng ist, gibt es verschiedene Wege, ihn zu verbreitern. Architektin Sabine Weber vom Deutschen Verband für barrierefreies Bauen (DVB) empfiehlt, Flure in Neubauten mindestens 140 cm breit zu planen. Im Bestand ist das schwieriger, aber machbar.

Häufige Maßnahmen sind:

  • Wanddurchbrüche: Das Entfernen von Trennwänden zwischen Flur und angrenzenden Räumen (z. B. Wohnzimmer oder Schlafzimmer) kann wertvolle Zentimeter gewinnen.
  • Möbeloptimierung: Oft blockieren große Garderoben oder Schränke den Weg. Tauschen Sie diese gegen schmale, wandbündige Modelle oder nutzen Sie Nischenlösungen.
  • Türversatz: Verschieben der Türachse nach innen, um den Durchgang zu erweitern.

Die Kosten für eine solche Sanierung liegen laut Handwerker-Preisindex 2024 zwischen 1.200 und 3.500 Euro, abhängig vom Aufwand. Ein wichtiger Tipp von Architektin Weber: "Planen Sie immer etwas Puffer ein - messen Sie Ihren Rollator genau aus und rechnen Sie mindestens 10 cm mehr ein." Das ermöglicht zukünftige Anschaffungen größerer Modelle oder sogar den Wechsel zu einem Elektrorollstuhl.

Elektrorollstuhl mit Ladestation in hellem, modernem Flur

Fördermöglichkeiten und gesetzliche Vorgaben

Gute Nachrichten: Der Staat unterstützt barrierefreie Umbauten finanziell. Der KfW-Zuschuss 455 "Altersgerecht umbauen" bietet bis zu 5.000 Euro pro Wohneinheit. Zudem hat die Deutsche Rentenversicherung ab Januar 2025 ein neues Programm gestartet, das 50 % der Kosten für die Verbesserung von Stellflächen übernimmt, bis zu einer Höchstsumme von 3.000 Euro.

Auch gesetzlich ändert sich etwas. Am 15. Juni 2024 verabschiedete der Bundestag eine Änderung des Wohnungsbaugesetzes. Ab 2026 müssen in Neubauten mindestens 10 % der Wohnungen barrierefrei sein, mit expliziten Anforderungen an Flurbreiten von mindestens 140 cm. Die DIN arbeitet zudem an einer Überarbeitung der Norm 18040, die voraussichtlich im zweiten Quartal 2025 veröffentlicht wird und die Mindestbreiten für Flure mit Rollator-Nutzung von 120 cm auf 130 cm anheben wird.

Alternativen: Externe Lösungen

Nicht jeder Umbau ist sofort möglich. Eine praktische Alternative sind externe Rollator-Garagen oder Außenboxen. Diese kosten ab 299 Euro und lösen das Problem der inneren Stellfläche. Sie ermöglichen es, das Gerät sicher draußen zu lagern und nur bei Bedarf reinzunehmen. Besonders in Mehrfamilienhäusern, wo Konflikte wegen abgestellter Rollatoren im Treppenhaus häufig sind, bietet dies eine konfliktfreie Lösung.

Denken Sie daran: Ein breiterer Flur ist keine Luxusfrage, sondern eine Frage der Lebensqualität und Sicherheit. Investieren Sie jetzt in Ihre Mobilität, um später unabhängig zu bleiben.

Wie breit muss ein Flur für einen Rollator sein?

Für einen Rollator sollte ein Flur mindestens 120 cm breit sein, um ein sicheres Vorbeikommen und Abstellen zu gewährleisten. Idealerweise planen Sie eine quadratische Stellfläche von 120x120 cm an strategischen Punkten wie vor der Garderobe oder der Wohnungstür.

Welche Maße braucht ein Rollstuhl im Flur?

Ein Rollstuhl benötigt einen Wendekreis von mindestens 150 cm Durchmesser. Die Flurbreite sollte daher ebenfalls mindestens 150 cm betragen, um Richtungswechsel ohne Probleme durchführen zu können. Elektrorollstühle brauchen zusätzlich eine Stellfläche von 190x150 cm mit Ladestation.

Gibt es Förderung für die Verbreiterung von Fluren?

Ja, es gibt mehrere Förderprogramme. Der KfW-Zuschuss 455 bietet bis zu 5.000 Euro pro Wohneinheit. Zusätzlich übernimmt die Deutsche Rentenversicherung seit 2025 bis zu 50 % der Kosten, maximal 3.000 Euro, für Maßnahmen zur Verbesserung der Stellflächen.

Was kostet die Sanierung eines engen Flurs?

Die Kosten variieren stark je nach Umfang. Einfache Möbelanpassungen sind günstig, während Wanddurchbrüche und strukturelle Änderungen laut Handwerker-Preisindex 2024 zwischen 1.200 und 3.500 Euro liegen können.

Muss ich meine Wohnung barrierefrei umbauen, wenn ich alt werde?

Es ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber stark empfohlen. Da 28 % der Deutschen über 65 eine Mobilitätseinschränkung haben, erhöht ein barrierefreier Umbau die Selbstständigkeit erheblich und senkt das Sturzrisiko. Vorbeugende Maßnahmen sind oft günstiger als nachträgliche Pflegeeinrichtungen.